Nicht geklaut, doch schlecht erfunden
“Einer von meinen Freunden, dessen gute Laune sich meist in Vorschlägen zu neuen Gesetzen hervortat, behauptete: eine jede Ehe solle nur auf fünf Jahre geschlossen werden. Es sei, sagte er, dies eine schöne, ungerade, heilige Zahl und ein solcher Zeitraum eben hinreichend, um sich kennenzulernen, einige Kinder heranzubringen, sich zu entzweien und, was das Schönste sei, sich wieder zu versöhnen. (…) Dann würde doch wohl dem einen Teil daran gelegen sein, das Verhältnis länger dauern zu sehen, die Gefälligkeit würde wachsen, je mehr man sich dem Termin der Aufkündigung näherte.”
Jetzt meinen Sie vielleicht, davon hätten sie in den letzten Tagen wahrhaft genug gehört. Eine Frau Pauli habe das eben von einem Kabarettisten mit Bühnennamen Peltzig übernommen, den sie nun als Freund bezeichnet. Die Kolumnistin habe sich vertippt, denn nicht von fünf, sondern von sieben Jahre war die Rede. Vielleicht wundern Sie sich über die schöne Sprache, in der Frau Pauli ihre Idee zu präsentieren scheint.
Es ist natürlich kein Pauli-Zitat. Das Werk, in dem es zu finden ist, hat (grüß Gott nach Bayern!) ein Frankfurter Autor geschrieben, der auch im bayrischen Abitur noch abgefragt sein dürfte. Es wird in ziemlich genau zwei Jahren zweihundert Jahre alt. Und zeigt sich, obgleich ein Roman und wohl, weil es ein großartiger ist, in diesen Tagen erstaunlich präsent in dramatisierter Form auf den Bühnen des Rhein-Main-Gebiets. In Frankfurt ist es schon so weit, Wiesbaden zieht im November nach und Mainz im März des kommenden Jahres – und vorgelesen kann man den Roman auch derzeit auf hr2 bekommen. Es handelt sich um “Die Wahlverwandtschaften”, selbst angezeigt von einem gewissen Goethe im “Morgenblatt für gebildete Stände” vom 4. September 1809: “Wir geben hiermit vorläufige Nachricht von einem Werke, das zur Michaelismesse im Cottaschen Verlag herauskommen wird.”
Im Roman, in dem die Ehe Resultat, Vision und auch Hindernis der Liebe ist, die Liebe sich sowohl spontan, manipulativ und Dauer verlangend einmischt in die Institution, in der sie kanalisiert sein soll (und will?) – in diesem Roman tritt eben jener Graf auf, der in nonchalanter Heiterkeit den bereits verwirrten Gemütern der vier Hauptfiguren vorträgt, was Herr Peltzig und Frau Pauli heutzutage neu auftischen. Er tritt auf mit seinen Ideen, heiter und entspannend, flach und unwichtig am End.
Dass das Gesetzeswerk im schnellen Strich etwas regeln möchte und könnte, was zwischen Triebgesetz und sozialem Zwang unausweichlich vermasselt wird, bleibt eine verkopfte Kapriole. Das Gesetz als Clown, so menschenfreundlich flexibel, dass es den Menschen nicht mehr abnehmen kann, was in ihnen an Zwang bereits steckt. Selbstabschaffung des Gesetzlichen, der Hesse würde sagen: “Macht Euch ma locker.”
So jedenfalls präsentiert es auch die Frankfurter Inszenierung von Martin Nimz im Schauspiel: Wenn der Graf mit seiner Gespielin auftaucht, verwandelt sich die Szenerie in eine feucht-fröhliche Party, doch danach rettet die Idee vom Liebes-Abo kein Herz und keinen Verstand. Und dann müssen doch wieder alle alles selber machen, diese armen kleinen Menschen, geboren ohne schützenden Pelz mit ihrer nicht verschwindenden Angst, dass sie fallen gelassen werden.
Ich bin froh, dass das Frankfurter Autoren Theater mit den Texten F.K. Waechters brillante, menschenfreundliche Fundstücke aufspüren konnte, die die menschliche Tragik nie verleugnen, aber auch nie beherrschen wollen. Wie sagt der Dings, der Goethe? “Dem Vortrefflichen gegenüber gibt es nur eine Freiheit, die Liebe” – wir müssten sonst vor Neid zerplatzen, schrieb Robert Gernhardt in der Frankfurter Rundschau über seinen Freund, F.K. Waechter.
[22.09.2007]
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Die Kolumnistin ist Geschäftsführerin des Frankfurter Autoren Theaters. U. a. schrieb sie “Katastrophische Weiblichkeit. Studie zu Goethes Wahlverwandtschaften”.