FAS 3.10.2010: Nils Minkmar über „Wolfgang Kraushaar: „Verena Becker und der Verfassungsschutz“.

Nicht verschluckt, nicht ausgespuckt

Ein Porträt der Terroristin als junge Frau: Wolfgang Kraushaar erklärt, wie Verena Becker schon sehr früh zur Informantin des Verfassungsschutzes werden konnte

Zu Beginn des Prozesses gab der Vorsitzende des 6. Strafsenats des Oberlandesgerichts Stuttgart, Hermann Wieland, ein Motto aus. Er habe, bemerkte er mit warmer Stimme, in den Zeugenaussagen einen Satz gelesen, der ihm „gut gefallen“ habe; dieser Satz (Autor oder Autorin ließ er ungenannt) künde von dem „Wunsch, für die eigene Vergangenheit Verantwortung zu übernehmen“ und darin „mit mir selbst identisch zu sein“. Natürlich räumte Wieland ein, dies nicht mit Blick auf die Angeklagte, sondern auf alle Verfahrensbeteiligten zitiert zu haben – fast als habe er selbst Zweifel, ob etwa die Bundesanwaltschaft noch mit jener Behörde identisch sei, die Siegfried Buback einst leitete, um dessen Mord es in dem Prozess auch gehen sollte.

Jeder, der das Mehrzweckgebäude des Gefängnisses in Stuttgart-Stammheim betritt, kennt den Ort bereits aus Film und Fernsehen. Das schreibt allen Anwesenden eine gewisse Rolle vor, die heute in Opposition zu der aus den Siebzigern verstanden wird. Zum Beispiel ist Richter Wieland nicht jener Theodor Prinzing nachgebildete, blasse Antiterror-Richter, der in den Filmen immer von gutaussehenden RAF-Darstellern in die Bredouille gebracht wird. Er erklärt den Medienvertretern, warum Verena Becker eine Wasserflasche vor sich stehen hat: dass dies nicht als Missachtung des Gerichts verstanden werden dürfe, er habe die Volvic-Flasche auf ärztliches Attest hin genehmigt. Eifrig schreiben die Journalisten mit, dass Frau Becker keine Tränenflüssigkeit mehr produzieren könne. Am nächsten Tag wird Franz Josef Wagner in der „Bild“ diesen Punkt erwartbar sentimental aufgreifen. Und auch Verena Becker selbst hat sich neu erfunden. Sie war als Einzige schon einmal in diesem Saal gewesen, im November 1977. Heute wirkt sie, in ihrer hellen Jeansjacke, mit Sonnenbrille und der richterlich genehmigten Wasserflasche, wie eine Botschafterin des hippen Berlins in Stuttgart-Stammheim. Kaum sind die Fotografen fort, nimmt sie die Brille ab. Neugierig studiert sie die Nebenkläger, das Ehepaar Buback, das ihr direkt gegenübersitzt. Die Topographie dieses Verhandlungssaals ist trügerisch. Eigentlich verläuft auch ein Graben zwischen dem Ehepaar Buback und der Bundesanwaltschaft, obwohl sie optisch eine Front gegen die Angeklagte bilden, die doch, Bubacks Überzeugung nach, auch nur Teil eines größeren Komplexes gewesen ist. Gleichwohl halten die Bubacks Verena Becker für die Schützin, die Bundesanwaltschaft nicht.

Das Thema Terrorismus kommt langsam in die Jahre. Deutschland hat derzeit Soldaten in Afghanistan, um das allerneueste Kapitel der Terrorismusgeschichte zu schreiben. Dort erschien die Autobiographie des einstigen Talibansprechers Abu Saif, der über seine Kontakte zum pakistanischen Geheimdienst Isi schrieb: „Ich gab mich nicht süß, um nicht verschluckt, und nicht bitter, um nicht ausgespuckt zu werden.“ Auch im Leben Verena Beckers, das seit 1972 immer wieder von Gerichten protokolliert wurde, gibt es ein „double bind“-Muster aus Aggression und Kooperation. Im Gegensatz zu anderen RAF-Mitgliedern hat sie nie ihre Memoiren geschrieben, nie Fernsehinterviews gegeben. Jetzt endlich liegt ein Buch vor, das, so gut es geht, Leben und Laufbahn der Verena Becker rekonstruiert.

Wolfgang Kraushaar, einer der anerkanntesten Sozialwissenschaftler des Landes, hat gewissermaßen das Porträt der Terroristin als junger Frau geschrieben. Ohne Beckers eigene Aussage bleibt zwar vieles im Dunkeln. Doch das umfängliche Archiv, der effiziente Apparat des Hamburger Instituts für Sozialforschung haben Kraushaar eine überzeugende Darstellung von Beckers Karriere als Informantin oder als V-Frau des Verfassungsschutzes ermöglicht. Zentral ist dabei seine Darstellung der Frühzeit des terroristischen Engagements von Becker im West-Berlin der frühen siebziger Jahre. Hier beeindruckt Kraushaars souveräne Kenntnis der Zusammenhänge. Dagegen unterlaufen ihm im Kapitel über das Attentat auf Buback einige ärgerliche Fehler, etwa die Verwechslung der beiden Begleiter des Generalbundesanwalts.

Verena Becker kam zum Terror über die „Bewegung 2. Juni“. Michal „Bommi“ Baumann sagt: „Ich habe sie eingestellt!“ Er vermutet heute (so zitiert ihn Kraushaar), dass Becker schon während ihrer ersten Haftzeit im Sommer 1972 vom Berliner Landesamt für Verfassungsschutz angeworben wurde.

Wie so etwas vor sich ging, das ist gut belegt. Es war Gegenstand des größten Strafverfahrens der deutschen Geschichte, dem Mord an Ulrich Schmücker, einem Genossen Beckers. Die Details dieses Falls liegen so kompliziert, das darin auftretende Personal ist so skurril, dass eine Zusammenfassung auf wenige Kapitel zur Herausforderung wird.

Im Zentrum steht ein Strippenzieher des Berliner Verfassungsschutzes namens Michael Grünhagen, der mit viel Geschick V-Leute in der linken Szene anwirbt. Selbst Inge Viett wird ihm später attestieren, „sehr oft“ Erfolg gehabt zu haben. Kraushaar beschreibt die Gründe, weshalb die Anwerbung bei der damals noch nicht volljährigen Verena Becker erfolgreich sein konnte. Ihre Freunde von der „Bewegung“ waren verhaftet worden, alle vier in einem Auto. Sie war allein in Berlin geblieben, desorientiert, von Informationen abgeschnitten. Weil sich zwei der Verhafteten zu umfänglicher Kooperation bereit erklärt hatten, konnte schließlich auch Becker festgenommen werden. Und unmittelbar danach beginnt jenes Muster, das schon Michael Buback in seinem Buch „Der zweite Tod meines Vaters“ mit Verblüffung dokumentiert hat: Verena Becker verschwindet aus den Akten, zum Beispiel: aus dem Prozess über einen Postüberfall in Gatow. Im Urteil vom 25. Mai 1973 wird ihre Beteiligung gar nicht mehr erwähnt. Es war Grünhagens Methode, so sagte es ein Staatsanwalt, der sich über die fehlende Amtshilfe des Berliner Verfassungsschützers beschwerte, „die juristischen Angelegenheiten“ seiner V-Leute „in den Schranken zu halten“.

Im Fall Schmücker sieht Kraushaar die „Blaupause“ für den Einsatz von Verena Becker. Er entwirft ein Szenario, in dem der jungen Frau spätestens dann eine zentrale Rolle zugefallen sein muss, als sie unter jenen war, die nach der Entführung von Peter Lorenz in den Jemen ausgeflogen wurden. Dort soll Becker sehr schnell Kontakt zum führenden Kopf der neuen RAF, Siegfried Haag, gefunden haben. Sie wurde, vermutet Kraushaar, seine Freundin. Wem galt also letztlich ihre Loyalität? Den neuen Genossen, mit denen sie im Jemen saß, oder den Schlapphüten in der West-Berliner Insel? Wusste sie selbst es immer so genau?

Zu den verblüffendsten Kapiteln im Buch gehört die Rekonstruktion von Verena Beckers Haftzeit. Immer wieder wurde die Öffentlichkeit über ihren Aufenthaltsort getäuscht. Während sie laut offizieller Erklärung in der JVA Kassel eine Tuberkuloseerkrankung kurierte, saß sie Tbc-frei in Stammheim. Dort durfte sie sich auch über Nacht mit Gudrun Ensslin einschließen lassen. Und in Berlin-Moabit teilte sie sich im Oktober 1974 mit Ulrike Meinhof eine Zelle. Innerhalb weniger Jahre wurde sie von der unbekannten SpontiFrau zur Vertrauten aller wichtigen Topterroristen. Und kam dennoch, bis vor kurzem, in keiner Darstellung, keinem Film vor.

In Verena Beckers Haftverfügung findet sich ein seltsamer Satz: „Den Beamten des Bundeskriminalamtes – Abt. TE – ist es gestattet, die Beschuldigte jederzeit zu sprechen und zwecks Ermittlungshandlungen auszuführen.“ Seit wann lässt sich eine RAF-Gefangene, die Richter anbrüllt, von BKA-Leuten ausführen wie eine Internatsschülerin zum Tee?

Wolfgang Kraushaar kommt zu dem Schluss, es handele sich beim Fall Becker um einen „verschleppten Staatsskandal“. Tatsächlich haben die Behörden bei der Aufklärung dieses Falls vor allem durch pompöses Nichtstun geglänzt. Nach diesem erhellenden Buch warten wir jetzt auf die Autobiographie von Verena Becker selbst. Hat Kraushaar nämlich recht, dann wird die Biographie der einstigen Schulabbrecherin aus einer armen Berliner Großfamilie eine der komplexesten der jüngeren deutschen Geschichte. Würde Verena Becker ihr Leben aufschreiben, würden viele Bücher über Bader, Meinhof und den ganzen Komplex ins Altpapier wandern.

Die Stasi schrieb in einem, wie Kraushaar meint, besonders glaubwürdigen Vermerk über Verena Becker, sie werde seit 1972 von den westdeutschen Behörden „unter Kontrolle gehalten“. Lange war nicht plausibel, womit. Vor Gericht wurde vorgelesen, wie eng das Verhältnis zu ihren vier Schwestern sei. Sie wohnt bei ihnen und ergreift vor Gericht das Wort, um darum zu bitten, dass deren Adresse nicht laut vorgelesen werde. In ihrem nicht abgeschickten Brief an Michael Buback schrieb sie von der Last, die ihre Schwestern zu tragen hätten, obwohl die doch „für die ganze Geschichte“ nichts könnten. Dass sie selber nichts dafür kann, das schrieb sie freilich nicht. Für die doch ziemlich perversen Männerhirne in Diensten und Terrorgruppen, mit denen Becker in ihrem wechselvollen Leben zu tun hatte (und die natürlich alle nicht vor Gericht dabei sind), ist so eine Schwesternschar auch ein ideales Druck- und Lockmittel – der Punkt, an dem sich bitter in süß verwandeln kann. Bei einer Frau, die über Jahrzehnte den heftigsten Kräften der Geschichte ausgesetzt war, die Gewalt ausgeübt und erfahren hat, ist die Vorstellung einer durchgehenden Selbstidentität ein Gedanke aus unseren heutigen, glücklichen Tagen. Verena Becker hätte nachfragen können, wie identisch der Vorsitzende sie gern gehabt hätte – und vor allem mit wem?

NILS MINKMAR

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