DAS FÜNFTE KIND UND ALL DIE ANDERN. Von Wolfgang Spielvogel. 6. und 7. September im Gallustheater

Ensemble eigenlicht im Gallus TheaterWiederaufnahme am 6. und 7. September im Gallustheater

Was für ein Theater!

Bereits zum zweiten Mal kooperiert das Jobcenter Frankfurt mit dem Frankfurter Autoren THEATER in einer Maßnahme der besonderen Art: Im Rahmen der Initiative „jobs für best!agers“ des Bundesprogramms Perspektive 50 plus entsteht ein Theaterstück mit 22 Teilnehmenden, die alle über 50 Jahre und langzeitarbeitslos sind.

Die Projektleiterin Dr. Maria Böhm, die Idee und Konzept dieses Projektes schon 2010 entwickelte, war selbst zwei Jahre als Beraterin im best!agers-Team des Frankfurter Jobcenters tätig und kennt daher die spezielle Situation älterer Arbeitssuchender sehr gut: Frustration, fehlende Anerkennung, Scham und Selbstzweifel führen in eine zunehmende Isolierung, zumal ja auch der ALG II-Regelsatz die Teilhabe am kulturellen Geschehen erheblich einschränkt. Folgen dieses Rückzugs sind dann häufig Verlust des Selbstwertgefühls, Mut- und Hoffnungslosigkeit, bis hin zu Depressionen.
Daher gilt es, die eigene Kreativität zu nutzen, um dieser Spirale zu entkommen, Selbstbewusstsein und soziale Kompetenz zu stärken und sich so ein Stück Lebensfreude zurückzuholen. Das Theaterprojekt bietet dazu den Teilnehmenden ideale Möglichkeiten, ihre vielfältigen Fähigkeiten und Talente zu entfalten, spielerisch Neues auszuprobieren und neue Perspektiven für sich zu entdecken. Zahlreiche Besuche von Film- und Theateraufführungen und Ausstellungen runden die Projektarbeit ab und schaffen neue Kontakte sowie Einblicke hinter die Kulissen des Frankfurter Kulturbetriebs.

Ensemble eigenlicht im Gallus Theater

Die 22 Teilnehmenden des Projektes sind denn auch mit Begeisterung bei der Sache. Das Ensemble nennt sich „eigenlicht“: das ist der Schimmer, den man auch bei völliger Dunkelheit noch wahrnimmt, so wie auch ein Fünkchen Hoffnung selbst in schwierigsten Situationen noch Halt und Orientierung gibt. Und in der Tat strahlen die Akteure aus sich heraus: vor Spielfreude und wiedergewonnenem Selbstbewusstsein. Es ist eine bunte Gruppe aus verschiedenen Ländern und Kulturen, die sich da zusammengefunden hat. Einige kommen bereits aus künstlerischen Berufen, andere haben ihre Kreativität bislang nur in der Freizeit ausgelebt, wieder andere waren anfangs nur neugierig. Allen gemeinsam war zum Beginn am 1.10.2012 eine große Skepsis, und viele hatten innere Widerstände zu überwinden, von sich selbst in sogenannten ICH-Geschichten zu erzählen.

Und all diese Biografien und ICH-Geschichten, die so reich, so vielfältig, so verrückt und/oder auch so unglaublich sind, wie nur das Leben selbst sie schreiben kann, hat der Regisseur und Autor Wolfgang Spielvogel in seinem Stück „Das fünfte Kind und all die andern“ zu einer Collage verdichtet, in der die einzelnen Szenen wie Perlen einer Kette aneinander gereiht sind. Das mutet mitunter völlig surreal und absurd an, obwohl es doch auf wahren Begebenheiten und Begegnungen beruht. In mal poetischem, mal deftigerem Ton, in versonnenen Monologen oder in Dialogen wie Pingpong, thematisiert das Stück Fragen über die Bedeutung von Arbeit, über den Wert des Individuums in einem zunehmend anonymisierten und standardisierten Umfeld, in dem die Funktion wichtiger als die Person geworden ist.

All dies bietet den Zuschauern reichlich Stoff zum Nachdenken und Diskutieren, aber natürlich auch zum Lachen, weil vieles im Leben eben nur mit Humor zu ertragen ist. Das Theaterstück wurde am 29. Mai 2013 um 20 Uhr im Gallus-Theater uraufgeführt, weitere Vorstellungen folgten am 31.5. und 1.6.2013.

U.B.

 

FR kljpg Artikel in der FR vom 23. Mai 2013

 

Video mit Szenen des Stücks

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Podcast der Sendung Knallfabet in Radio X

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