Situationen realer Bedrohung – Kreis-Anzeiger zur Aufführung des Hollywooder Liederbuchs in Gedern

Kreis-Anzeiger, 03.07.13

Situationen realer Bedrohung

(em). Mit geschlossenen Augen hätte man das Akkordeon für eine
kleine Orgel halten können. Langsam, fast erdrückt mischte sich
dessen Klang mit der Stimme der Sopranistin. „In den finsteren
Zeiten – wird da auch gesungen werden?“ Eine fast unmerkliche
Pause folgte, die Spannung stieg – und löste sich dann in einer
hellen, hohen Diskantstimme auf: „Ja, da wird gesungen werden
von den finsteren Zeiten!“ So eindringlich begann die Produktion
„Die Inzwischenzeit – Lieder und Gedichte aus dem Exil von
Hanns Eisler und Bertolt Brecht“ des Autoren Theaters Frankfurt
im Wappensaal des Gederner Schlosses.

Ein Teil von Eislers „Hollywooder Liederbuch“, das 1942 und 1943
entstanden ist, wurde durch Journaleinträge des Dichters auf der
Flucht vor den Nazi-Truppen ergänzt. Dr. Ulrich Meckler, einst
Internist in Gedern und jetzt Ruheständler, hatte das Programm
zusammengestellt und für das Projekt profilierte Mitstreiter
gefunden: die Frankfurter Opernsängerin Annette Kohler-Welge,
die Liedbegleiterin und Musikpädagogin Beate Jatzkowski
(Akkordeon) und den bekannten Schauspieler Edgar M. Böhlke.
Verse wie „An den kleinen Radioapparat“ spiegelten in höchster
Verknappung („…vom Haus zum Schiff, vom Schiff zum Zug…“) die
Ruhelosigkeit des Exils, die beschwörende Schlusszeile
„…versprich mir, nicht auf einmal stumm zu sein“ das
Ausgeliefertsein von Menschen auf der Flucht wider.

Dieser Abend machte das wieder deutlich, was man bei den
bekannten und längst kanonisierten Brecht-Gedichten wie „Die
Entstehung des Buches Taoteking“ und „Deutschland, bleiche
Mutter“ längst verdrängt hat: Die Texte wurden nicht aus der
Philosophenklause heraus geschrieben, sondern in Situationen
realer Bedrohung, in der Furcht vor der Auslieferung.

So verbindet die „Inzwischenzeit“-Produktion zwei Spuren: die
Zeitgeschichte und den Sprach-Musik-Zusammenklang des
„Hollywooder Liederbuches“. Die einzelnen Lieder wurden erst von
Böhlke gesprochen und dann von Kohler-Welge zur Begleitung
von Jantzkowski gesungen, wobei das Akkordeon die Liedanfänge
vorspielte.Im Neben-Klang von Sprech- und Singstimme wurde die
Kompositionskraft Eislers deutlich. Er verschmolz komplexe
musikalische Impulse – Klassik, die Melodram-Praxis des 19.
Jahrhunderts, Zwölftonmusik, atonale Elemente, aber auch
Bänkelsang – zu einer Text vertiefenden Einheit.

Kohler-Welge verstand es, mit ihrem klaren, umfangreichen
Sopran Erschütterndes unpathetisch zu singen – das ging den
Zuhörern doppelt unter die Haut. Böhlke hingegen traf den
scheinbar gefassten Brecht-Ton mit den Unternuancen von
Heimweh, Isolation, Angst, Entsetzen, ohnmächtigem Zorn und
ließ ein entscheidendes Element mitschwingen: die List, den
unbedingten Überlebenswillen des Dichters.
Da waren der fast absurde Überlebenswille des „Ostersonntags“,
die litaneiartige Präsentation der „Elegie“ mit dem immer
gesungenen Refrain „So verging meine Zeit, die auf Erden mir
gegeben war“, die vibrierende Eindringlichkeit der
„Panzerschlacht“, die drohend dunkle Melodie „… in diesem Land
dürfte es keine trüben Abende geben… das ist gefährlich“ im Lied
„Über den Selbstmord“.

Fragmentarisch gespiegelte Naturschönheit („In den Weiden“)
mischte sich mit Zynismus in den „Fünf Hollywood-Elegien“ („Unter
den grünen Pfefferbäumen gehen die Musiker auf den Strich“) –
Brecht und sein Autorinnenkollektiv kamen in der Filmstadt nicht
zurecht.
Im „Deutschen Miserere“ glaubte man, Marschrhythmen und
sarkastisch verfremdete Anklänge von Soldatengesang zu hören,
„Die Heimkehr“ zählte Erinnerungen an die Kindheitslandschaften
des Dichters auf – mit dem bitteren Resümee „…all das werde ich
nicht mehr sehen“, ehe Verse aus dem bekannten „An die
Nachgeborenen“ das „Inzwischenzeit“-Programm beschlossen. Es
war erst das zweite Mal, dass es gegeben wurde, etwas
„Premierenhauch“ schwang noch mit.

Ohnehin sehen die Akteure ihre Arbeit als „work in progress“. Die
nächsten Aufführungen sind in Esslingen, Bad Camberg und
Frankfurt geplant. Dort wird die „Inzwischenzeit“ das Publikum
wohl ebenso in den Bann ziehen wie in Gedern.

© Kreis-Anzeiger 2013

2 Antworten

  1. 9. Juli 2013

    […] Kritik der Aufführung in Gedern im Kreis-Anzeiger […]

  2. 9. Juli 2013

    […] Kritik der Aufführung in Gedern im Kreis-Anzeiger […]

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