Der Theater-Traum vom Fliegen – FR zu IRRLAND

Jobcenter Frankfurt

Der Theater-Traum vom Fliegen

Von Thomas Stillbauer

Die Theatergruppe Volare probt für ihr Stück „Irrland“. Foto: Andreas Arnold

Langzeitarbeitssuchende auf der Bühne: „Irrland“ ist der dritte Streich im Jobcenter-Projekt. Das Theaterstück verdichtet verschiedene Szenen zu einer Groteske, Grundlage sind die Träume der Teilnehmer.

Wozu der Mensch doch fähig ist, wenn er in eine Ausnahmesituation gerät: Da tanzen knapp zwei Dutzend Leute aus acht verschiedenen Ländern übers Parkett, schwingen die Arme über den Köpfen und singen: „Hey olé, wir ziehen ins WM-Finale, der weiße Strand von Rio de Janeiro ist in der Hand des deutschen Companheiro.“

Das singt sogar der Italiener Felice mit, dessen Nationalteam erwiesenermaßen bei jedem Fußballturnier den deutschen Companheiro aus allen Träumen reißt. Alles Theater? Irgendwie schon. „Da ist auch ein gewisses Augenzwinkern mit dabei“, sagt Regisseur Wolfgang Spielvogel, „bei dem Strand in deutscher Hand.“ Und er ruft gutgelaunt: „Ja, Mehmet, die Türkei gewinnt diesmal nix! Du musst für uns kämpfen!“

Gutes Stichwort: kämpfen. Bei diesem Theaterstück namens „Irrland“ kämpfen die 23 Teilnehmer in erster Linie um ihre Zukunft. Sie alle sind übers Jobcenter an ihre Rollen gekommen. Sie sind Langzeitarbeitssuchende, über 50 Jahre alt, und sie brauchten eines ganz dringend, das betonen sie alle: Selbstvertrauen.

Hat offenbar geklappt. Jetzt huschen sie in absurden Kostümen über die Probebühne, rufen: „Ich möchte eine hochnäsige Prinzessin spielen“, fuchteln mit einem Messer: „Ich töte Sie!“, wehklagen: „Ich habe alles beim Spielen verloren“, wünschen und radebrechen: „Ich am liebsten wieder Arbeit, um davon leben können.“

Verschiedene Szenen zu einer Groteske verdichtet

Es ist schon die dritte Produktion, die das Jobcenter Frankfurt und das Frankfurter Autoren-Theater gemeinsam stemmen. Schirmherr ist Oberbürgermeister Peter Feldmann. Wieder hat Wolfgang Spielvogel verschiedene Szenen zu einer Groteske verdichtet. Grundlage waren die Träume der Teilnehmer, von denen sie sehr offen berichteten. „Wir haben uns erst einmal vier Monate lang nur Geschichten erzählt“, sagt eine Frau. Zur Inspiration. Und um die bösen Geister loszuwerden. Die Träume damals waren so schwer und niederdrückend, dass die Gruppe irgendwann merkte: Es mündet alles in den Wunsch zu fliegen. Also war auch der Name des Ensembles schnell klar: „Theater Volare“.

„Ich habe das Gefühl, was wir hier machen, ist die beste Vorbereitung auf die Gesellschaft“, sagt Monika. Davor waren viele in der Depression – seit sie Theater spielen, geht es bergauf. „Ich probe für unsere Aufführung und schreibe parallel Bewerbungen“, sagt Birgül: „Prompt werde ich zu Vorstellungsgesprächen eingeladen.“ Am Anfang seien sie als Einzelkämpfer gekommen, „jetzt sind wir eine Gruppe“, sagt Felice. Eine Gruppe, die keine Angst mehr hat: „Wir haben alles hier durchgespielt, alles erlebt.“ Doris: „Man kriegt mit, wie die Leute an diesem Projekt wachsen.“

Um was geht es in dem Stück? Allgemeines Gelächter. Um Peter Hartz, um den Papst, um die Jesus-Jünger … – „kann man nicht erzählen“. Es wird viel gesungen. Erfahrungen von 23 Leuten seien darin, sagt Spielvogel, wie ein Teppich zusammengewoben. „Das ist kein Stück über einen Konflikt, der durch Mord oder Heirat gelöst wird.“ Der Titel „Irrland“ soll nicht zuvorderst auf Verrücktheit hindeuten, sondern auf das Irren, das Suchen, das Herumirren. Aber verrückt geht es natürlich auch zu. Sympathisch verrückt. So verrückt, dass manche sich gefragt haben: „Will ich das auf einer Bühne sagen? Dass meine Familie und meine Freunde das hören?“ Ihre Antwort: „Verrücken befreit.“

Ein bisschen Mut gehört halt dazu. Wolfgang Spielvogel hat ihnen diesen Mut gegeben; das kann er wie sonst kaum jemand. Loben kann er auch: „Wie diese Gruppe das macht, damit steht sie an der Spitze der Entwicklung, was Theaterkunst-Erzählweise angeht. Das soll ihr erst mal einer nachmachen.“

Die Träume, haben die sich inzwischen verändert? „Wir haben keine Zeit mehr zum Träumen“, witzelt einer, „und wenn, dann nur noch positiv.“ Was sie sich wünschen? „Drei ausverkaufte Vorstellungen.“ Und danach? Die Gruppe will zusammenbleiben. Der Mensch soll nicht trennen, was das Jobcenter zusammengefügt hat.

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