Neue Helden

Neue Helden
Frankfurt bekommt ein eigenes Theater für die Autoren dieser Stadt – Wolfgang Spielvogel hat es gegründet
Artikel in der Frankfurter Rundschau von ULRIKE KRICKAU

Es gibt eine liebenswerte Tradition bei Wolfgang Spielvogel. Nach einer Aufführung bleiben die Zuschauer im Theater, trinken ein Glas Wein, essen dunkles Brot und kommen ins Gespräch mit denen, die zuvor auf oder hinter der Bühne standen. An einem dieser Abende entwickelte sich aus einem Gespräch die Formulierung einer Notwendigkeit: Frankfurt, diese Stadt der Schriftsteller, der Verlage und nicht zuletzt der Buchmesse, braucht ein Theater für seine Autoren, braucht nicht nur Orte für Literatur, sondern auch einen Ort, an dem die Literatur aus dem Wort heraustreten und eine Rolle, eine Handlung werden kann.

„Warum hat das nicht schon längst jemand gemacht!“ – „Tolle Idee!“ – sowas bekam Wolfgang Spielvogel zu hören, als er diese Idee vorstellte. Und nun ist es gegründet, das Frankfurter Autoren Theater in der Hausener Brotfabrik.

„Es war eine Veränderung, die in der Luft lag“, sagt Spielvogel. 1994 gründete er mit Barbara Englert das Theater Primadonna/Schwerer Held. Nach einigen Jahren trennten sich die Wege, Wolfgang Spielvogel leitete das Theater alleine. Doch er taugt nicht zum Schweren Helden. Er kann Gedanken- und Phantasiewelten stemmen, muss sich aber dabei auf ein stabiles Fundament verlassen können. Das hat er sich beim Frankfurter Autoren Theater neu geschaffen.

Karlheinz Braun, Wolfgang Spielvogel, Bärbel Bimschas, Beate Jatzkowski, Norbert Saßmannshausen und ein Team von Schauspielern ist neugierig auf die Stoffe und Rollen, die die Zusammenarbeit mit den Frankfurter Autoren bringen werden. Erste Gespräche finden mit Eva Demski statt, Wolfgang Spielvogel wird ihren Roman „Scheintod“ dramatisieren. Thea Dorn, in Offenbach geboren und literarisch eingemeindet, hat in ihrer F-Klasse „Germanys next Rollenmodell“ und damit eine Sorte Frau entworfen, die prima auf die Bühne passt. Bodo Kirchhoff wäre ein Wunschkandidat. Wilhelm Genazino sowieso.

„Die letzten Dinge“ von Friedrich Karl Waechter – kurz: F.K. – machen mit gleich zwei Stücken im September den Anfang. Clowns und Märchen führen in Waechters Werk hin zur Satire – oder zur Wahrheit. Dem möchte Wolfgang Spielvogel mit der Besetzung der Stücke gerecht werden. In den 18 Mini-Szenen „Frühes Drängen“, die am kommenden Freitag, 7. September, Premiere haben werden, spielen Rebekka Bimschas und Till Toth, die beide in diesem Jahr die Clown-Schule abgeschlossen haben, neben dem gestandenen Schauspieler Michelangelo Ragni. Am 28. September werden in „Die Eisprinzessin“ drei Szenen aus „Die letzten Dinge“ Premiere haben, in denen auch wieder bekannte Spielvogel-Schauspieler wie Manuela Koschwitz, Christof M. Fleischer, Ulrich Rügner und Martin Sonnabend zu sehen sein werden.

Wie viel geballtes Theaterwissen und allerfeinste Theatertraditionen hinter dem Frankfurter Autoren Theater steckt, lässt sich in den Biografien erkennen. Spielvogel war, bevor er das Theater Primadonna/Schwerer Held gründete, Ensemblemitglied bei den Ruhrfestspielen und gehörte zu den besten Zeiten zum TAT, dem Theater am Turm. In Frankfurt lernte er Mitte der 70er Jahre Karlheinz Braun kennen, der 1969 den Verlag der Autoren gegründet und ihn zum bedeutendsten Theaterverlag Deutschlands aufgebaut hatte. In Zukunft will sich auch Peter Danzeisen stärker engagieren; Danzeisen war von 1992 bis zu seiner Pensionierung im vergangenen Jahr als Direktor an der Theater Hochschule Zürich.

Diese geballte Theater-Mann-Power will nicht glucken und nicht thronen, sie will sich austauschen. Eine Zusammenarbeit mit dem Frankfurter Theater Landungsbrücken ist für das nächste Frühjahr geplant, vielleicht wird es einen gemeinsamen Sommernachtstraum geben. Der Rest wird sich zeigen: Etwa sechs Stücke pro Jahr sind geplant. Wolfgang Spielvogel schaut der ersten Premiere gespannt entgegen. Es geht ihm gut, dem einstmals Schweren Helden. Ein wichtiger Schritt voran ist getan. Wein und Brot wird es auch weiterhin geben. So viel Kontinuität muss einfach sein.

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