Aus dem Off. Spielbein … Lanzarote hin und zurück

[24.09.2010] Neue Kolumne von Bärbel Bimschas.

Spielbein … Lanzarote hin und zurück

Ich sitze wieder auf der Terrasse. Ein heftiger Wind peitscht, schlägt so sehr und wahrscheinlich so salzig feucht in die Palmen, dass es sich definitiv anhört wie Meeresrauschen. Aber das Meer ist viel zu weit entfernt, dass man es hören könnte. Es hat einen Botschafter geschickt, der die Sprache des Meers spricht, der wellenförmige Wind, der auch wellenförmig sowas wie Nebelschwaden über die Erde zieht, an den Häusern vorbei. Sehr überraschend, dass es überhaupt nicht zu regnen begann. Ich war fest davon überzeugt, es würde es tun, aber vielleicht kenne ich das Wetter hier und seine Launen zu wenig. Heute hat es die Laune, das Element Wind vorzuführen und kein anderes. (F.K. Waechters Naturtheater fällt mir ein …) Gestern, mitten hinein in den wohltemperierten Abend mit einem eher wolkenarmen und windlosen Himmel tröpfelte es aus der Wolkenarmut heraus immer mal wieder ein bisschen … immer nur so viel, dass wir unsere Freude daran hatten – auf der Nachbarterrasse im Windlichtschimmer.
Ich schaue mir das heutige Spektakel auf der Terrasse gemeinsam mit Herrn Buddha und hin und wieder einer der Katzen an – aber die schauen eigentlich nicht, die streichen nur gemächlich vorbei – ich denke, die kennen das alles schon. Der Blick auf die anderen weißen Häuser, die etwas tiefer liegen, ist afrikanisch, für Herrn Buddha, der da auch hinschaut, sicherlich auch überraschend. Und ich finde es wieder interessant, dass eine so europäische Insel so afrikanische Vorstellungen bieten kann, und da fällt mir wieder ein, dass hier ja natürlich, geographisch, längst Afrika ist.  Und dass das nett ist. Viel weniger nett, dass Menschen, die hier auf Flößen aus Polit-Afrika kommen, in der Regel gleich wieder abgeschoben werden, weil sie ja hier in der EU nichts, aber auch überhaupt nichts zu suchen haben.
Ach…

So beginnt eine der Mails der Kolumnistin von ihrem jüngst vergangenen Aufenthalt auf der Insel Lanzarote. Es waren nur zehn Tage … und es sei an dieser Stelle versichert, dass es für Theaterschaffende, leider, manchmal schwer wirkt, überhaupt zehn Tage lang „weg zu sein“.  Das freie Theater, das wir lieben, mit seinen begrenzten Ressourcen, scheint jeden Tag zu brauchen, damit alles organisierbar ist. Das freie Theater mit seinen begrenzten Ressourcen zwingt dazu, außerdem noch vielfältig außerhalb den Lebensunterhalt zu verdienen, da hat man erst recht keine Zeit mehr, die Stadt zu verlassen.

Und wo ich es nun doch tat, da war so viel Anderes, Neues – und doch begegneten mir in dieser bezaubernden Verkleidung von vulkanischer Energie, wippenden Palmen und streichelndem Wind … das Theater, Frankfurt, das Frankfurter Autoren Theater … auf Schritt und Tritt. Deswegen gibt es nun endlich mal wieder eine Kolumne – auch ermuntert durch einen einzelnen Herrn (schöne Grüße nach Sachsenhausen).

Die A. hat in Costa Teguise, dem Urlauberressort unten am Meer, ein Konzert organisiert, indisch-schön – am nächsten Tag fährt sie nach Villa de Teguise, wo meine „Vermieterin“ und ich (für 10 Tage) wohnen und fragt diese, woher sie mich wohl kennt. Es stellt sich heraus: Aus der Brotfabrik. Sie war, bevor sie nach Lanzarote ging, Besucherin unseres Theaters. Die andere A. („Vermieterin“), bei der ich das ungeheure Glück habe, zu wohnen, wird schnell eine wahre Freundin. Gemeinsame Koch-Exzesse und lange, intensive Gespräche mit ihr spannen den Bogen von der Insel bis zu den Hochhäusern, ganz erstaunlich leicht.

Und dann begegnen mir die Korrespondenzen wirklich auf Schritt und Tritt. Ich bin nicht das erste Mal auf der Insel, aber ich erfahre Neues. Sylvia Volckmann, Literaturwissenschaftlerin aus Köln und Lanzarote-Infizierte wie ich, hat ein herrliches Buch geschrieben, das zunächst auf Lanzarote rauskam und dann erst in Deutschland, das ich in der deutschsprachigen Buchhandlung in Playa Blanca finde: Die Zeit ist schwer zu erzählen auf der Insel. (http://www.silvia-volckmann.de/index.html)

Das Buch ist eine herrliche Fundgrube, unter anderem erfährt man, dass Carlos Fuentes‘ „Die Jahre mit Laura Diaz“ ein Jahr lang (1949) auch auf Lanzarote spielt. Nach Carlos Fuentes‘ Roman „Der alte Gringo“ entstand ja auch ein Theaterstück von Wolfgang Spielvogel: Ach, Mexiko!

Und nun für die Frankfurter Theatergänger auch noch dies: Das historische Vorbild von Goethes Clavigo hieß José Clavijo y Fajardo und war ein „Teseguito“: geboren in der Stadt, in der ich gerade die Ehre habe zu residieren. Geboren ein paar Jahre vor den Vulkanausbrüchen, sodass die Familie, wohlhabend genug, sich wegen der Ausbrüche vom Acker machte, erst nach Gran Canaria zog; der junge Held trieb sich später in Madrid … und auch Paris rum. Dort kam es dann zu der verhängnisvollen Affäre, die Vorlage des Goethe-Stoffs ist. Real ein Miniaturdrama, der junge Held fiel in Ungnade beim spanischen König, um nicht allzu lange später voll rehabilitiert zu werden.  (Das machen die hier wohl so, Cesar Manrique, der große Inselkünstler und –gestalter, war ja auch mal sehr in Ungnade gefallen, wegen Schwulsein, aber dann hat man doch schnell gesagt: Schwamm drüber.) Und was bei Herrn Goethe mal wieder tödlich endete, lief in Madrid für Clavijo glimpflich genug. Er lebte lustig weiter und wurde für damalige Verhältnisse steinalt, nämlich 80.

Später las ich in der deutschsprachigen Zeitung auf Lanzarote gar noch einen Artikel mit dem Schwerpunkt,  wie gekränkt der stolze Teseguito war, als er erfuhr, dass ein junger Schnösel in Frankfurt ihn mit einem völlig an den Haaren herbeigezogenen Theaterstück demütigt. Man munkelt gar, es sei knapp vor einem Duell gestanden, dann hätte man von dem jungen Schnösel aus Frankfurt womöglich nicht mehr allzu viel gehört.

Übrigens ist auch der alte Mann, den wir zusammen mit dem Meer von Hemingway überliefert bekamen, ein wirklicher Fischer gewesen. Geboren in Arrecife, wanderte er aus Not nach Kuba aus und verkaufte dort Hemingway für ein paar Kröten die Geschichte von dem riesigen Fisch, den er beinahe mal gefangen hätte. Der alte Mann war auch in Kuba bitterarm geblieben. Als Hemingway zu Weltruhm gelangte, wendete sich jedoch auch für den Fischer das Blatt. Er saß in Havanna und erzählte solange seine Geschichte und die seiner Bekanntschaft mit Hemingway für Geld … bis er genug zusammen hatte, sich seinen großen Traum zu erfüllen: zurück nach Lanzarote. Danach saß er am Hafen von Arrecife und tat was? Ja eben … Der alte Mann Hemingways verstarb 2002 104-jährig auf Lanzarote. Früher, so raunt die Legende, wurde man als Insulaner entweder gar nicht oder sehr, sehr alt. Seit es Ärzte gibt, hat sich das ausgemittelt. Von der kleinen Nachbarinsel La Graciosa wird gesagt, man habe da, gezeichnet durch Inzucht, dennoch ein biblisches Alter erreicht. Seit es dort einen Arzt gibt, ist alles ganz „normal“ geworden.

Und so raunen nicht nur Palmen, Wind und Meer, sondern überall Geschichten. Geschichten, die mich an Frankfurt erinnern – und dennoch so von hier sind. Alte Geschichten, neu erzählt, bekannte Geschichten in ihrer ursprünglichen Gestalt.

Und dann zurück, weiß ich, dass es nicht nur einen Ort gibt, wo ich hingehöre und nicht nur eine Persönlichkeit, die ich habe. Dass es zusammenhängt … das Welttheater wie das Leben. Dass Erzählen schön ist und Hören und Sehen.

Und by the way: Wer diese Insel besuchen mag, sehr fern der Bettenburgen und üblichen Angebote, kann mich gerne fragen.

Aus dem Off. Die bisherigen Kolumnen:

2 Antworten

  1. Liebe Bärbel Bimschas,
    lange mussten wir warten – auf Deine neue Kolumne.
    Doch das Warten hat sich gelohnt.
    Wissenswertes, gepaart mit Scharfblick, persönlichen Empfindungen und Eindrücken, lassen mich (und hoffentlich vielen Freunden des FAT) das Verfasste gerne ein zweites und drittes mal mal lesen .
    Es wäre zu wünschen, wenn Du uns mit Deiner klugen Weitsicht und stilistischem Feingefühl, nicht nur hin und wieder mit Deiner „Kolumne aus dem off“ erfreust.
    Es grüßt herzlich der Herr aus Sachsenhausen

  1. 19. Oktober 2010

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